Den Markt verstehen und den Kurs vorhersagen – oder warum das Blödsinn ist

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Nach dem letzten Bloody Sunday stellt sich wieder die Frage wie rational Investoren ihre Entscheidung treffen. Es schwirren die verschiedensten Gerüchte und Begründungen rund um den plötzlichen Kurssturz durch den Äther. Das reicht von offensichtlich einleuchtenden Thesen, wie Bitfinex hat mit dem Tether den Bitcoin künstlich aufgeblasen, hin zu dem mir nicht so zugänglichen Argument der Prophezeiung mittels Tangenten in einer Chart-Analyse.

Die einzige Gewissheit ist, dass der Bitcoin an Wert verloren hat. Ich möchte mich hier gar nicht in Analysen verlieren, die stimmen können – oder auch nicht – sondern mich mehr auf das Verhalten der Marktteilnehmer konzentrieren.

Im Artikel Die eigene Fehlbarkeit bin ich schon darauf eingegangen, wie schnell es gehen kann, unter Druck dumme Entscheidungen zu treffen. In diesem Artikel möchte ich ein viel unangenehmeres Argument machen. Es geht mir darum zu erläutern, warum es einfach ist, einer Idee zu folgen die gut und logisch klingt, aber falsch ist.

Kurz gesagt: Warum versagt rationales Denken?

Denken ist anstrengend

An einem Morgen legte mir ein Kollege mit einem euphorischen Lächeln einen Zettel auf den Schreibtisch. Darauf war folgende Gleichung geschrieben:

Damit die Gleichung stimmt, müsse nur eine einzige Ziffer verschoben werden. Das Ergebnis müsste natürlich eine korrekte Schreibweise der Algebra der ganzen Zahlen sein. Mein erster Impulsgedanke war: „Warum möchte er mich quälen? Ich möchte gerade gar nicht daran denken, sondern mich um meine Arbeit kümmern.“ Dann zwang ich mich für 30 Sekunden über die Lösung nachzudenken. Aber die 30 Sekunden reichten nicht. Ich kam auf keine Lösung.

Egal wie ich es dreht, aus 62 362 oder 623 zu machen führte nie zum Ziel. Auch die anderen Ziffern zu verschieben half mir nicht. Dazwischen schossen mir Ideen in den Kopf wie ich ein Programm schreiben könnte, dass das Problem löst. Schließlich schaubte ich verächtlich und gab auf. Es stach kurz im Ego, aber die eigene Faulheit und das Bedürfnis diese kognitive Anstrengung zu vermeiden waren größer als das Bedürfnis klug und intelligent zu wirken. Ich bat den Kollegen um die Auflösung.

Da freute er sich sogar noch mehr und erklärt mir die Lösung. Es sei ganz einfach. Man müsse aus 62 einfach 26 machen und schon erhielt man eine gültige Gleichung, da 26 64 ist. Während Sie diese Zeilen gelesen haben, haben sie sich vielleicht auch gedacht, dass sie das doch lösen könnten wenn sie nur darüber nachdenken wollen würden – taten es aber nicht. Ich denke, so wird es einer großen Mehrheit gehen, wenn sie diese Zeilen liest.

Schnell und dumm oder langsam und anstrengend

Doch warum ist das der Fall? In Schnelles denken, Langsames Denken(PL) geht der dafür mit dem Nobelpreis für Wissenschaft ausgezeichnete Daniel Kahnemann einer möglichen Begründung an. Er beschreibt menschliche Denkprozesse als ein Zusammenspiel von zwei Systemen:

  1. Ein System, welches schnell, reflexartig und auf Basis von Mustererkennung schnell zum Ergebnis kommt.
  2. Ein System, das langsam und energiehungrig ist. Dieses System erlaubt uns rational zu überlegen, Dinge durchzudenken und zu rechnen.

Das klingt nach einem simplen Prinzip, doch Kahnemann hat herausgefunden, dass System 2 tatsächlich auch mehr Energie verbraucht. Das äußert sich dadurch, dass der Glukoseverbrauch des Gehirns steigt. Schematisch kann man sich den Mechanismus für Entscheidungsfindung als zweiphasigen Prozess vorstellen. Zu aller erst wird die Aufgabe bzw. das Problem an einen Vorentscheider weitergegeben. Dieser Vorentscheider arbeitet als Router und entscheidet, ob System 1 oder System 2 die Aufgabe lösen soll.

Der Router hat ein großes Interesse daran Probleme an System 1 abzuschieben. System 1 kümmert sich um intuitive bzw. reflexhafte Bauchentscheidungen. Biologisch betrachtet werden dafür andere Gehirnareale aktiviert die auch weniger Energie verbrauchen. Das führt dazu zB. dazu, dass ich mich eher um die Lösung der mir vom Kollegen gestellten Aufgabe drücke. Das bedeutet aber auch, das bestimmte Probleme, sofern sie häufig genug gelöst werden, in System 1 abwandern und reflexartig gelöst werden können. Dazu zählen das kleine Einmaleins, das Reparieren eines Vergasers, das Einstellen von Scheibenbremsen, etc.

Jeder, der so etwas nach Anleitung das erste mal tut wird feststellen, dass es geistig weit anstrengender ist als es mit etwas Übung zu tun. Problematisch ist, dass auch Aufgaben an System 1 delegiert werden, die oberflächlich betrachtet schlüssig und logisch erscheinen. Das ist auch der Grund warum die Erklärung im Nachhinein logisch klingt und häufig geglaubt wird. Das Problem, das diese Aussage nicht mehr überprüft werden kann, tausende andere Gründe ausblendet und aus der Luft gegriffen sein kann, wird dabei gerne ausgeblendet.

Neben vielen interessanten Erkenntnissen stach mir auch die Erklärung des Meehl Patterns ins Auge. Dabei handelt es sich um die erschreckende Erkenntnis, dass simple, regelbasierte Systeme häufiger bessere Vorhersagen treffen können als ein Experte in seinem Gebiet. Im Buch untermauert Kahnemann das nicht nur mit Statistiken, sondern auch an einem praktischen Beispiel einer Investmentfirma. Kein einziger der dort beschäftigten Investoren hat es über einen längeren Zeitraum geschafft besser als der Markt zu performen – was die Aufgabe eines aktiven Investments ist. Das ist nicht weiter verwunderlich, da der Erfinder der ETF-Anlagestratgie John Bogle bereits vor Jahrzehnten zum selben Schluss gekommen ist. Seine flappsige Begründung ist kurz gesagt: Der Grund liegt in der Dummheit.

Sobald Experten aufhören System 2 zur Prüfung ihrer Ideen zu verwenden und das Bauchgefühl übernimmt, bricht die Performance der überwiegenden Mehrheit ein! Die wichtigste Erkenntnis aus dem Buch Schnelles denken, Langsames Denken(PL) ist, dass man sich System mit klaren Wenn-Dann-Regeln zurechtlegen muss und diese ständig anhand harten Daten und Fakten bzw. der Performance anpassen muss.

Ist es überhaupt möglich, dass einzelne Super-Investoren sind?

Superforecasting oder die Kunst die Zukunft zu kennen.

Mit seinem Buch hat Kahnemann die Hybris der Menschen angegriffen, die meinen sie könnten gute Entscheidungen, Schätzungen oder Vorhersagen treffen, indem sie, sie einfach durchdenken. Fakt ist, es ist weit schwieriger das gut hinzubekommen. Das Gegenstück zu dieser niederschmetternden Erkenntnis haben Philip E. Tetlock, Dan Gardner und Jürgen Neubauer mit dem Buch Superforecasting – Die Kunst der richtigen Prognose(PL) geschrieben.

In ihrem Buch gehen die Autoren dem Phänomen von sg. Superforecastern nach. Das sind Menschen, die deutlich besser als ihre Peers aber auch als ein Prognosemarkt funktioniert. Ein Prognosemarkt ist ein System, in dem der Mechanismus des freien Marktes verwendet wird um die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Ereignisse zu ermitteln. Solche Systeme zu schlagen ist sehr schwierig, wie es auch Bogle mit seinen ETF gezeigt hat.

Einem Trugschluss sollte man sich allerdings nicht hingeben: Es ist nicht einfach ein Superforecaster zu werden. Es bedarf einer hohen Intelligenz, einer Vorliebe für analytisches Denken und vor allem die Bereitschaft sich mit anderen Forecastern ständig über Vorhersagen auszutauschen und vorallem die Vorhersagen zu überprüfen!

Dieser Punkt kann gar nicht genug hervorgehoben werden. Kahnemanns Erkenntnisse widersprechen auch in keiner Weise Superforecasting. Es ist viel mehr so, dass in Superforecasting ein System präsentiert wird, wie man zu der Minderheit der Leute gehören kann, die tatsächlich besser performen als der Markt.

Ein wichtiger Punkt dafür ist auch, Case-Studies also Erklärungen und verschiedene Szenarien für die Entwicklung eines Businesses zu finden und die daraus folgenden Geschäftszahlen zu betrachten. Ein Buch, das mir in diesem Punkt sehr geholfen hat war Numbers and Narratives. Der Autor liefert hier mehrere Szenarien für mittlerweile auch sehr bekannte Unternehmen wie Uber und erläutert, wo er warum falsch lag und wo er richtig lag.

Die 5 Regeln zum Investmenterfolg

Es ist unseriös zu behaupten, es gäbe eine Anleitung zum garantierten Erfolg. Die Conclusio aus den oben genannten Büchern ist, dass Menschen anfällig für irrationales Denken und Entscheiden sind und sich nur unter größter Anstrengungen dagegen wehren können. Selbst dann kann man sich irren, da niemand über alle Informationen verfügt, um das Vorgehen aller Teilnehmer vorherzusagen. Dennoch habe ich für mich aus der oben genannten Literatur folgende Regeln abgeleitet:

  1. Entwickle ein System und halte ich daran. (Siehe zB. meinen Kryptosparplan)
  2. Tausche dich regelmäßig und ständig mit anderen Teilnehmern im Markt aus. (Ich bin zB. in mehreren Facebook- und Telegram-Gruppe aktiv wie der BlockShock FB-Gruppe und der BlockShock Telegram-Gruppe)
  3. Ich halte Vorhersagen schriftlich fest, setze mir ein genaues Datum, an dem ich sie überprüfe und schreibe mir auf, wie weit ich danebenlag.
  4. Ich investiere nur Geld, dass ich nicht „brauche“ bzw. einen Totalverlust verkraften kann. Das soll verhindern, dass ich zu sehr emotional werde bei den Entscheidungen.
  5. Lernen, Lernen, Lernen. Man darf nie stehen bleiben und muss sich ständig mit der Materie beschäftigen.

Kurz gesagt, halten Sie sich nicht für klug. Sie sind wahrscheinlich nicht klüger als der Markt.

Das Artikelbild steht unter einer Creative Commons Lizenz und stammt von Wikimedia.

Prinzipiell neugierig und mit starkem Hintergrund in Informatik, bin ich Software-Entwickler bei Tag und Krypto-Enthusiast bei Nacht.

Über Martin Keiblinger 57 Artikel
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